Ob Darth Vader, Präsident Snow oder der klassische böse Wolf – in jeder Geschichte findet der Held seinen Gegenspieler (Antagonist). Doch böser ist nicht immer besser.

Antagonist – der Gegenspieler einer Geschichte

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Den Kampf von Gut gegen Böse kennen wir aus dem Märchen. Bis heute prägt er unsere Vorstellung von Geschichten. Jeder Autor weiß: Ein Held (Protagonist) braucht seinen Gegenspieler (Antagonist). Ohne Gegenspieler gibt es keine Geschichte.

So weit, so gut. Nur führt die deutsche Übersetzung Gegenspieler des Wortes Antagonist auch schnell zu der Annahme, dass ein Gegner böse, hinterhältig und gemein sein muss. Dem ist nicht so – im Gegenteil, das alteingesessene Gut-Böse-Denken führt schnell zu platten und langweiligen Klischees.

Was bedeutet das eigentlich: Antagonist?

Agonist und Antagonist (Muskel)

Urhebberrecht Bild: Davin Wikipedia

Wagen wir einen kurzen Ausflug in die Anatomie. Auch die Muskeln unseres Körpers unterteilen wir in zwei Gruppen: die Agonisten und die Antagonisten. Auch hier findet jeder Muskel (Agonist) seinen Gegenspieler (Antagonist).

Warum dieses Beispiel? Weil Fakt ist, dass wir uns ohne das Zusammenwirken von Spieler und Gegenspieler überhaupt nicht bewegen könnten. Unsere Muskeln können sich stets nur aktiv in eine Richtung bewegen: sich zusammenziehen. Wollen wir unser Körperteil wieder in die andere Richtung bewegen, muss der Gegenspieler ans Werk.

Dieses Zusammenwirken von Spieler und Gegenspieler hat rein gar nichts mit Gut und Böse zu tun. Sie brauchen einander, sonst funktionieren sie nicht. Erst durch den Gegenspieler kann auch der Spieler in Aktion treten und umgekehrt. Ohne Antagonist gibt es keine Bewegung.

Der Antagonist ist der Coach deiner Hauptfigur

Nehmen wir den Muskel-Gedanken mit zurück zum Thema Schreiben. Auch hier gäbe es ohne das Zusammenwirken von Protagonist und Antagonist keine Bewegung, nämlich keine Bewegung in deiner Geschichte. Deine Geschichte würde sich kontinuierlich in eine Richtung bewegen und deinen Leser langweilen und ermüdenden. Auch hier entsteht erst durch das Auf und Ab, das Zusammenwirken von Protagonist und Antagonist, Spannung.

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Der Gegenspieler deiner Geschichte stellt sich deiner Figur in den Weg. Dabei kann er dasselbe Ziel verfolgen oder ein konträres. Fakt aber ist: Deine Hauptfigur muss sich seinem Gegenspieler stellen, um ans Ziel zu kommen. Und sie muss ihn überwinden. Damit ihr das gelingt, muss sie besser werden! Auf diesem Weg forciert der Antagonist die Veränderung deiner Hauptfigur. Er ist gewissermaßen ihr Coach. Das muss nicht seine direkte Absicht sein. Aber er ist es – immer.

Wenn die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen

Nun muss ein Coach nicht unbedingt böse sein. Wichtig ist einzig und allein, dass er deine Hauptfigur daran hindert, ihr Ziel auf dem einfachen Weg zu erreichen und sie auf diese Art herausfordert und über sich hinauswachsen lässt. Er kann das sowohl aus bösen als auch aus guten Absichten heraus tun. Erkennen wir das und lassen wir die Grenzen zwischen Gut und Böse bewusst verschwimmen, entstehen mitreißende Konflikte. Ein Beispiel: der Film Whiplash.

Andrew Neimann möchte Schlagzeuger werden. An einer New Yorker Hochschule trifft er auf Terence Fletcher. Terence ist der so ziemlich gefürchtetste Dozent überhaupt, aber auch Leiter der Studioband. Andrew will in diese Band, denn sie ist die Chance auf eine große Karriere. Also tut er alles, um Terence zu gefallen. Dieser schickt ihn durch die Hölle.

Auf den ersten Blick ist Terence ein absolutes Monster. Im Laufe der Handlung jedoch werden seine Motive deutlich. Hinter seiner Grausamkeit steckt Prinzip. Mit Sicherheit überschreitet er Grenzen. Aber erst dadurch gelingt Andrew der Triumph.

Die mitreißende Handlung treibt den Zuschauer in einen Gewissenskonflikt. Er muss am Ende selbst entscheiden, ob Terence Monster oder gar ein hilfreicher Freund war. Mit Sicherheit bleibt diese Story im Gedächtnis. Sie wühlt auf.

Wenn selbst Buddha zum Antagonisten wird

Mieses Karma David SafierEin völlig anderes Beispiel führt uns zurück in die Unterhaltungs-Literatur (und wer vorhaben sollte, bei mir früher oder später einmal den Online-Schreibkurs Roman Workshop zu absolvieren, springt bitte schnell ans Ende dieses Artikels – Spoileralarm! 😉 ).

In David Safiers Roman Mieses Karma wird die selbstsüchtige Fernsehmoderatorin Kim Lange von einem Waschbecken erschlagen. Tot trifft sie auf Buddha. Von ihm erfährt sie, dass sie nicht ins Nirvana kann. Da sie ein mieser Mensch war und nur mieses Karma gesammelt hat, wird sie als Ameise wiedergeboren. Sie muss nun durch gute Taten gutes Karma sammeln, bevor sie finale Erlösung findet.

Da Kim ihr Leben bereut und ihre Tochter vermisst, tut sie alles dafür, um gutes Karma zu sammeln. Denn vielleicht kann sie so wieder zum Menschen aufsteigen und ihre Tochter wiedersehen.

Jedesmal, wenn sie einen neuen Tod stirbt, steht der lächelnde dicke Buddha vor ihr und richtet über ihr Verhalten. Buddha ist das absolute Gegenteil unserer Vorstellung von einem Gegenspieler. Auch ist Buddha in dieser Geschichte alles andere als böse. Aber er ist Kims Antagonist.

Ohne Buddha fände Kims Verwandlung zum besseren Menschen nicht statt. Auch gehört es absolut nicht zu Buddhas Plan, Kim eine zweite Chance als Mensch zu geben. Da muss sich Kim erst noch was einfallen lassen.

David Safiers Mieses Karma ist eine wesentlich seichtere Story als Whiplash, aber ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass ein Antagonist keinesfalls böse sein muss. Viele Leser würden ihn höchstwahrscheinlich nicht einmal als solchen erkennen. Auch David Safier hatte mit seinem Roman grandiosen Erfolg. Mieses Karma hat sich bisher fast 2.000.000 Mal verkauft, inzwischen ist sogar ein zweiter Teil erschienen.

Ergreife Partei für den Gegenspieler deiner Geschichte

Das Geheimnis eines guten Antagonisten ist also nicht seine Boshaftigkeit, auch wenn das uns Klassiker wie Star Wars oder Herr der Ringe vielleicht glauben lassen. Viel wichtiger ist eine gekonnte Argumentation. Warum handelt dein Antagonist so, wie er handelt? Was sind seine Motive? Was hat er zu verlieren?

Verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse entstehen mitreißende Konflikte, die deinem Leser an die Substanz gehen. Du forderst seine eigenen Moralvorstellungen heraus und zwingst ihn, Stellung zu beziehen. Gelingt dir das, wird er deine Geschichte mit Sicherheit in Erinnerung behalten!

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