Jeder Autor möchte seinen Leser fesseln. Kein Wunder, denn Geschichten, die den Leser fesseln, verkaufen sich auch gut. Aber wie kann man das erreichen? Diese Methoden helfen dir dabei.

Mit Geheimnissen kannst du deinen Leser fesseln. Wir können es nicht ertragen, wenn uns Dinge vorenthalten werden. Verbirgt jemand etwas vor uns, werden wir gierig danach, es herauszufinden. (Urheberrecht Foto: Urheberrecht: / 123RF Stockfoto)

Mit Geheimnissen kannst du deinen Leser fesseln. Wir können es nicht ertragen, wenn uns Dinge vorenthalten werden. Verbirgt jemand etwas vor uns, werden wir gierig danach, es herauszufinden. (Urheberrecht Foto: Urheberrecht: / 123RF Stockfoto)


Eines der naheliegendsten Dinge, mit denen du deinen Leser fesseln kannst, sind Geheimnisse. Sie machen neugierig. Neugier liegt in der Natur des Menschen – ganz gleich, ob es sich dabei um die Lust auf Sensationen, die Gier nach neuem Wissen oder die pure Freude an der Enthüllung handelt. Denn schon als Kind lernen wir, dass ein hohes Maß an Neugier uns viele Vorteile verschaffen kann. Will uns jemand ein Geheimnis partout nicht verraten, gieren wir regelrecht danach. Wir wissen aber auch, dass mit der Erkundung von Neuem oft viele Gefahren verbunden sind. Wir fiebern mit, wenn Indiana Jones sich in verborgene Höhlen vorwagt, Raumschiff Enterprise in unbekannte Galaxien vordringt oder uns ein geheimnisvoller Kapitän 20.000 Meilen tief ins Meer entführt. Das nutzen Spannungsautoren bewusst aus, wenn sie ihre Leser fesseln wollen.

Rein biologisch betrachtet entsteht Neugier dann, wenn wir mit einer Vielzahl von Reizen überflutet sind. Das erzeugt Stress. Um diesen Stresspegel minimieren zu können, müssen wir das Unbekannte verstehen und begreifen. Sinkt der Reizpegel dadurch allerdings zu stark, wird uns wieder langweilig.

Den Leser fesseln: mit Zuckerbrot und Peitsche

Auf das Schreiben übertragen könnte man das so formulieren: Ein Text, der deinen Leser fesseln soll, muss mit Andeutungen und Hinweisen gespickt werden, die ganz offensichtlich eine tiefere Bedeutung haben. Da der Leser ihre Wichtigkeit für das Gesamtgeschehen ahnt, aber noch nicht zu deuten weiß, entsteht Spannung. Der Leser wird neugierig und hat das unstillbare Verlangen, den Code zu knacken. Zusätzlich erahnt er aus seiner Erfahrung heraus die möglichen Gefahren und Bedrohungen, welche sich hinter diesen Andeutungen verbergen könnten.

Dieses Prinzip funktioniert jedoch nur, solange du dem Leser das Gefühl gibst, dass er eine faire Chance hat, das Geheimnis auf eigene Faust zu lüften. Eine simple Aneinanderreihung von Andeutungen würde ihn früher oder später ermüden und langweilen. Damit diese Andeutungen deinen Leser auch wirklich fesseln, ist es wichtig ist, dass sie sich im Laufe der Geschichte Schritt für Schritt wie die Teile eines großen Puzzles zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Hat der Leser erst einmal einige Erfolgserlebnisse gehabt, wird er sich schnell nach mehr sehnen. Also bleibt er am Ball.

Ach wie gut, dass niemand weiß … Die Freude am Rätsel

Wenn ein Geheimnis gelüftet wird, kann der Hüter schon einmal ziemlich böse werden. Rumpelstilzchen versank vor Gram sogar im Erdboden. (Bild: Walter Crane)

Wenn ein Geheimnis gelüftet wird, kann der Hüter schon einmal ziemlich böse werden. Rumpelstilzchen versank vor Gram sogar im Erdboden. (Bild: Walter Crane)

Eng verbunden mit der Freude an der Enthüllung ist die Freude am Rätseln. Das Rätsel ist aus der Literatur nicht wegzudenken. Schon die Gebrüder Grimm wussten, dass sie damit ihre Leser fesseln können. Da ist dieses geheimnisvolle kleine Männchen, das Stroh zu Gold spinnen kann und seinen Namen nicht verraten will, „die kluge Bauerntochter“, die in Grimms gleichnamigen Märchen eine vermeintlich unlösbare Aufgabe löst oder Atréju, der in der „Unendlichen Geschichte“ die mystischen Rätseltore passieren muss.

In der modernen Literatur ist das Rätsel in Krimis und Thrillern allgegenwärtig. Wer ist der Mörder? Gibt es tatsächlich einen Davinci-Code? Sind Außerirdische Schuld an den Kornkreisen? Scheinbar mysteriöse, paradox erscheinende Ereignisse faszinieren uns und werden benutzt, um Leser fesseln zu können.

Wir wollen verstehen, welche Wahrheit sich dahinter verbirgt. Man könnte eine Rätselgeschichte mit einem Zaubertrick vergleichen. Den genau wie dieser setzt sie sich aus zwei Ebenen zusammen:

  • aus dem, was scheinbar geschieht und
  • aus dem, was tatsächlich geschieht.

Es handelt sich um eine Illusion. Im besten Fall liegt die Antwort die ganze Geschichte über auf der Hand. Nur fehlt dem Leser das nötige Wissen, um die Hinweise korrekt deuten zu können. Das muss er sich im Laufe der Geschichte erst mühsam erarbeiten.

Wie entwickel ich einen spannenden Rätsel-Plot?

Im Jahr 2017 habe ich auf dem Autorentreffen in Wien einen 60-minütigen Vortrag zum Thema gehalten. Schau dir die Aufzeichnung des Vortrages an und erfahre, wie auch du das Rätsel in deinen Geschichten nutzen kannst, um den Leser zu fesseln.

Die Kunst des Missverständnisses – gekonnt falsche Fährten legen

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass gerade wenn man glaubt, die Lösung gefunden zu haben, etwas völlig Unerwartetes geschieht und die Handlung eine überraschende Wendung nimmt. Das Spiel beginnt von vorn und die Spannung steigt ins Unermessliche. Wie konnte das passieren?

Die Antwort ist einfach: Man ist auf eine falsche Fährte hereingefallen. Schreiber von Pageturnern sind wahre Meister auf diesem Gebiet. Wie machen sie das? Wie legt man falsche Fährten?

Beginnen wir einmal damit, wie man es auf keinen Fall machen sollte. Lüge deinen Leser niemals an! Spuren, welche nur Mittel zum Zweck sind und ins Leere führen, wird er dir nicht verzeihen. Er muss das Gefühl haben, selbst Schuld an der Misere zu sein. Nur so fühlt er sich der Ermittlerfigur in der Geschichte unterlegen und kämpft gemeinsam mit ihr um den Erfolg. „Wird es mir gelingen, das Geheimnis schneller zu knacken, als Sherlock Holmes?“

Das Geheimnis liegt in der Doppeldeutigkeit der Hinweise. Wähle sie so, dass sie auf verschiedenste Art und Weisen interpretierbar sind. Je nachdem wie du deine Texte betonst, wo du Schwerpunkte setzt, ausführlicher oder bedrohlicher beschreibst, kannst du nicht nur deinen Leser fesseln, sondern sein Denken gleichzeitig bewusst in eine falsche Richtung lenken. Auch das Spiel mit Klischees und Vorurteilen kann dabei hilfreich sein. Fällt der Leser darauf herein, wird er an die Decke gehen, wenn du ihn mit der wahren Lösung konfrontierst. Er wird sich ärgern, sich wutentbrannt an das zuvor Geschehene erinnern und sich fragen: „Wie konnte ich das nur übersehen?“

Die tote Katze und der böse Hund – ein Beispiel

Vorurteile können uns schnell auf die falsche Fährte locken. Die folgende Anekdote von der toten Katze und dem bösen Hund ist ein schönes Beispiel dafür. (Foto: Daniel Andres Forero, stock.xchng)

Vorurteile können uns schnell auf die falsche Fährte locken. Die folgende Anekdote von der toten Katze und dem bösen Hund ist ein schönes Beispiel dafür. (Foto: Daniel Andres Forero, stock.xchng)

Der unerzogene, böse Hund einer Frau schleppt eines Tages die total verdreckte, tote Katze der Nachbarin in die Wohnung. Die Hundebesitzerin gerät in Panik. Weil sie sich nicht anders zu helfen weiß, wäscht sie die Katze, föhnt sie und legt sie der Nachbarin in einem unbeobachteten Moment vor die Tür. Einige Tage später spricht ihre Nachbarin sie darauf an: „Ich habe Angst. Wissen Sie warum?“, sagt sie. „Vor ein paar Tagen wurde meine Katze von einem Auto überfahren. Ich habe sie in meinem Garten bestattet. Stellen Sie sich vor, irgendein Verrückter, hat sie ausgegraben, gewaschen, geföhnt und mir wieder vor die Tür gelegt.“

Da ich geschrieben habe, dass der Hund unerzogen und böse sei, liegt die Vermutung nahe, er habe mit der Katze gekämpft und sie getötet. Seine Besitzerin sieht das ebenso. Dabei wird völlig übersehen, dass die Erde an der Katze auch daher stammen könnte, dass der Hund sie ausgebuddelt hat. Die falsche Fährte hat hervorragend funktioniert.

Du merkst, es gibt zahlreiche Mittel und Wege. Den Leser fesseln – das braucht Übung. Probiere dich aus!

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