Jede spannungsgeladene Geschichte braucht ihren Bösewicht. Einen Bösewicht erfinden ist aber gar nicht so leicht. Dieser Artikel hilft dir dabei.

In einem unserer Schreibcafé-Termine kam die Frage auf, wie man einen richtigen Bösewicht erfinden könne. Tatsächlich ist dieses Thema sehr komplex. Schauen wir einmal gemeinsam auf die dunkle Seite.

Was ist böse?

Bevor wir auf die Suche nach einem bösen Charakter gehen können, stellen wir uns doch erst einmal die Frage: Was ist das überhaupt, böse?

Ich bin als Kind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Damals waren sämtliche kapitalistischen Länder in meinen Augen böse – ganz vorne natürlich die Bundesrepublik Deutschland. Kurz darauf fiel die Mauer. Über Nacht wurden Feinde zu Freunden. Mehr noch: Das böse Land wurde meine neue Heimat.

Inzwischen lebe ich in Österreich. Bin ich jetzt ein böser Mensch geworden? In den Augen eines Kim Jong-un vielleicht. Aus meiner Sicht nicht. Was ist passiert? Drei wesentliche Faktoren haben sich verändert:

  • Ort
  • Zeit
  • meine Perspektive

Ob jemand etwas Gutes oder Böses tut, ist somit abhängig von seiner eigenen Sichtweise und Überzeugung (Perspektive) und den moralischen Werten seiner sozialen Umgebung (Ort). Letzteres wird maßgeblich von der Zeit bestimmt, in der wir uns befinden. Wurden um 1900 im Hamburger Tierpark Hagenbeck statt Tieren noch Urwaldmenschen in sogenannten „Völkerschauen“ präsentiert, wäre selbiges im Jahr 2016 absolut undenkbar.

Anhand dieser Beispiele merken wir schon: Gut und Böse lässt sich gar nicht so leicht voneinander trennen. Während die 7 Geißlein den Wolf mit Sicherheit böse finden, sehen das die 7 hungrigen Wolfbabys daheim im Wolfsbau sicher anders.

Warum ein Antagonist nicht böse sein muss:
Auf die Relativität von gut und böse gehe ich in meinem Artikel Antagonist: Warum ein Gegner nicht böse sein muss genauer ein.

Warum gibt es das Böse?

Was aber ist mit den Charakteren, die ganz bewusst gegen das moralische Wertesystem verstoßen? Warum begeben sie sich auf die dunkle Seite? Und warum gibt es das Böse überhaupt?

Grund 1: Der Charakter rebelliert
Wir kennen es alle aus unserem Jugendalter. Manchmal kommt es vor, dass man sich mit seiner Umgebung absolut nicht identifizieren kann. Das Bedürfnis nach Abgrenzung treibt den Charakter in die Rebellion. Das kann so weit gehen, dass er böse wird.

Grund 2: Der Charakter hat eine Dummheit begangen
Dummheit schützt vor Strafe nicht – dieses Sprichwort bringt es indirekt bereits auf den Punkt. Manchmal weiß ein Charakter einfach nicht, dass er einen Fehler begeht. Eine falsche Entscheidung und schon sitzt er in der Sch***.

Grund 3: Weil Gott es so bestimmt hat
Warum gibt es das Böse? Ist doch klar: Weil Gott gesagt hat, dass es so ist. Der weiße Hai ist ein perfektes Beispiel für diese Form von Bösewicht. Der Trailer zum Film erklärt es perfekt.

Scheint diese Definition des Bösen auf den ersten Blick ziemlich banal, macht sie aber durchaus Sinn. Wir kommen später dazu, wieso.

Grund 4: Alles ist nur ein Spiel
Kennst du das auch? Manchmal kommt einem das Leben wie ein gigantisches Jump ‘n Run Game vor. Auch dieser Ansatz kann logisch sein. Oft genug wollen mehrere Menschen dasselbe. Sie konkurrieren um etwas. Auch das kann zu einer guten und bösen Seite führen.

Die Grundprinzipien der Spannung:
Das Schreiben von spannenden Geschichten wie Thrillern oder Kriminalromanen beruht auf genau diesem Prinzip: dem Wettkampf zwischen gut und böse. In meinem Artikel Spannend schreiben – die Grundprinzipien der Spannung erkläre ich dir, wie du dieses Prinzip in deinen Geschichten anwenden kannst.

Grund 5: Das Böse soll uns lehren und coachen
Wer von uns hat nicht bereits mindestens einmal  bereits einen Lehrer oder Trainer als böse empfunden? Menschen, die uns voranbringen und das Beste aus uns herauskitzeln wollen, machen uns nicht selten das Leben schwer. Denn sie wollen uns aus unserer Komfortzone locken, weil wir nur so über uns hinauswachsen können.

Was will das Böse?

Auch ein böser Charakter hat selbstverständlich ein Ziel. Der eben genannte Grund „Alles ist nur ein Spiel“ ist bereits darauf eingegangen. Aber welche konkreten Motive gibt es noch? Schauen wir uns einige Möglichkeiten an:

Das Böse will uns etwas lehren
Der von mir in dem Artikel Antagonist: Warum ein Gegner nicht böse sein muss beschriebene Film Whiplash ist ein gutes Beispiel für diesen Fall.

Das Böse will uns beschützen
Unglaublich, aber wahr. Denken wir doch nur einmal an Rapunzel. Die böse Hexe beschützt ihr Kind vor dem Unheil der Welt, indem sie es in einen Turm sperrt.

Das Böse will seine eigene Erlösung
Mir persönlich fällt als erstes der Film The Ring als Beispiel ein. In dieser Geschichte kann das Böse nur durch Erlösung (die Beendigung eines Fluches) besiegt werden.

Das Böse will Macht
Natürlich! Darth Vader, die Borg, Goldfinger – sie alle wollen in erster Linie eines: Macht.

Das Böse will Rache
In zahlreichen Thrillern und Krimis ist Rache eines der Hauptmotive. Vielleicht ist Rache einer der menschlichsten Gründe, dem Bösen zu verfallen, überhaupt.

Warum ist das Böse (manchmal) so verlockend?

Ich glaube, fast alle von uns suchen nach einem Sinn im Leben. Wir streben mehr oder weniger nach Bedeutsamkeit, Anerkennung, Liebe. Weiterentwicklung und Wachstum liegen in unserer Natur.

Wenn man in einer Gesellschaft funktionieren will, ist das aber oft gar nicht so leicht. Denn zu einem friedlichen Miteinander gehört auch, die eigenen Bedürfnisse anzupassen und teilweise sogar zurückstellen. In unserem tiefsten Inneren streben wir aber nach Freiheit. Je größer dieser Konflikt ist, desto schneller sind wir bereit, Grenzen zu überschreiten.

Das Leben als Gauner, Schurke oder Verbrecher ist auf den ersten Blick meist der einfachere und schnellere Weg ans Ziel – wären da nicht die Hüter des Gesetzes und die Moralvorstellungen der anderen.

Die aktuelle Flüchtlingskrise ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie schnell die eigene Moral bröckelt, wenn man sich in seinen Grundwerten und Standards bedroht fühlt.

Das Böse und das Monster

Dass böse nicht gleich böse ist, wird spätestens dann deutlich, wenn wir den Blick in eine andere Sprache werfen. Während wir im Deutschen lediglich von dem Bösen sprechen, finden wir im Englischen zwei Bezeichnungen dafür: bad und evil.

Erinnern wir uns einmal kurz zurück an die obige Auflistung Warum gibt es das Böse? Neben dem Bösen, das aus einer gewissen Motivation heraus Grenzen überschreitet und mit moralischen Werten bricht, gibt es auch das Böse, welches grundlos durch und durch böse ist (weil Gott es so bestimmt hat). Für diese beiden Abstufungen stehen Bad (der Bösewicht) und Evil (das Monster).

Die Entscheidung für Bösewicht oder Monster kann das Genre deiner Geschichte bestimmen. So sind reine Monstergeschichten (Der weiße Hai, Alien, Das Omen) fast immer dem Horror-Genre zuzuordnen. Hier sind es gerade die Sinnlosigkeit und Kaltblütigkeit des Bösen, die der Geschichte ihren genretypischen Schrecken verleihen. Fehlt das Motiv, wird das Böse unberechenbar.

Bad Evil
das Böse, der Bösewicht
(motivierte Tat)
das Übel, das Monster
(unmotivierte Tat)
Krimi, Thriller, Love, Drama Horror
Science-Fiction, Fantasy

So erfindest du den Bösewicht deiner Geschichte

Beachte alle in diesem Artikel dargestellten Aspekte, wenn du auf der Suche nach dem perfekten Bösewicht für deine Geschichte bist. Als kurze Zusammenfassung hier noch einmal eine kleine Checkliste für dich:

  1. Bestimme Ort und Zeit deiner Handlung
    Welche moralischen Grundwerte lassen sich aus deinem Schauplatz ableiten?
  2. Wie ist dein Bösewicht auf die dunkle Seite geraten?
    Hat er rebelliert? Eine Dummheit begangen? Ist es von Gott gewollt? Handelt es sich in deiner Geschichte um eine Art Wettkampf mit dem eigentlichen Helden?
  3. Was will dein Bösewicht?
    Entscheide dich dafür, was deinen Bösewicht antreibt. Ist er Lehrer, Beschützer, will es erlöst werden, Macht oder Rache?
  4. Entscheide dich für ein Genre
    Bösewicht oder Monster? Runde das Wesen deines Bösewichtes durch die Wahl des passenden Genres ab.

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