Immer wieder liest man: Rückblenden gehören nicht in die Kurzgeschichte! Warum ist das so? Dieser Artikel zeigt dir die häufigsten Fehler und wie du sie vermeiden kannst.

Schon das Wort Rückblende an sich verdeutlicht, woher wir diese Technik des Zurückschauens kennen: aus dem Film. Hier ist sie mittlerweile zu einem überaus modernen und beliebten Stilmittel geworden. Viele der erfolgreichsten TV-Serien wie Lost oder Desperate Housewifes beispielsweise sind ohne die Rückblende undenkbar. Wir wissen, welche beeindruckenden und fesselnden Effekte man mit ihr erzielen kann. Es wundert also auch nicht, dass wir beim Schreiben automatisch auf sie zurückgreifen.

Das optische und das Fakten-Gedächtnis

Allerdings vergessen wir, dass wir Filme ganz anders wahrnehmen als Bücher. Das optische Gedächtnis ist wesentlich schneller und leistungsstärker. Im Kino genügen wenige Sekunden, um eine Figur in deinem Bewusstsein zu verankern. Ein Text muss wesentlich mehr leisten. Und er braucht länger dafür!

Ebenso ist es mit der Zeit. Machen wir doch einmal die Probe aufs Exempel. Schau dir die folgenden Bilder an. Sofort ist klar, dass es sich um denselben Schauplatz handelt.

Bilder: Wikipedia / Bundesarchiv

Bilder: Wikipedia / Bundesarchiv

Ebenfalls auf den ersten Blick erkennen wir, zu welcher ungefähren Zeit die jeweilge Aufnahme gemacht wurde. Würde nun also eine Filmszene von jetzt auf gleich zwischen den beiden Schauplätzen hin- und herspringen, wäre das kein Problem für uns. Wahrscheinlich hätten wir sogar Freude daran. Eine Rückblende im Film bremst weder spürbar das Erzähltempo, noch fordert sie ein Mehr an Konzentration. Im Text hingegen sieht das anders aus.

Eine Rückblende im Text verlangt vom Leser erhöhte Wachsamkeit. Er muss sich auf die veränderte Umgebung einstellen, neue Orientierungspunkte suchen und sich in die neue Situation hineindenken. Nicht zu vergessen: Natürlich darf er den Sprung zurück in die eigentliche Erzählzeit ebenfalls nicht verpassen.

In einem Film befindet sich der Zuschauer in einer passiven Betrachterposition. Er konsumiert. Der Leser ist aktiv. Er lernt. Alles, was der Film dem Zuschauer vor die Nase hält, muss der Leser sich selbst erschaffen, abspeichern und bei Bedarf erneut abrufen.

Vorsicht: Rückblende!

Wohl aus dem eben genannten Grund sind Romane auch wesentlich beliebter als Kurzgeschichten. Während eine einmal mühsam erlernte Welt in einem Roman über lange Zeit Bestand hat, hält sie in einer Kurzgeschichte nur für wenige Seiten an. Daher sollte das Ziel einer jeden Kurzgeschichte sein, für den Leser so schnell und komfortabel wie möglich eine klare Erzählsituation zu erschaffen und diese beizubehalten.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn immer wieder erlebe ich es in meinen Schreibkursen, dass Autoren unbewusst aus ihrer Erzählsituation ausbrechen und es sich somit unnötig erschweren, spannend und fesselnd zu erzählen. Schauen wir uns die drei häufigsten Stolperfallen an:

Falle 1: Rückblenden am Anfang der Geschichte

Bei nahezu jedem Schreibanfänger erlebe ich es, dass in Kurzgeschichten eine frisch erschaffene Erzählsituation sofort wieder verlassen wird, um eine Rückblende zu erzählen. In 99% der Fälle ist das jedoch die schlechtere Wahl. Warum? Ein Beispiel:

Ich spürte noch ein Zucken. Von meiner rechten Hand aus schoss es durch den gesamten Oberarm. Ein Muskelkrampf. Dann herrschte Dunkelheit. Ein Kurzschluss? Ich lauschte ins Nichts. Im Zimmer über mir schlürften Schritte das Parkett entlang. Wird er mich töten? Ich tastete nach einer Waffe. Dabei streifte ich Toms Bild. Er hatte es mir damals in Warschau geschenkt. Es war unsere erste gemeinsame Reise. Der Regen ergoss sich über die Straßen wie eine zweite Sintflut. Nur fünf Schritte trennten unser Hotel vom romantischen Restaurant. Und doch reichte es, um uns bis auf die Haut zu durchweichen. Ich erinnerte mich noch genau. Wir sahen aus, als hätte uns jemand unter den Rasensprenger gestellt. Mittendrin Toms Augen, so unendlich blau, dass man darin ertrinken konnte.

Der Autor der Szene schmeißt mich mitten ins Geschehen. Offensichtlich ist die Hauptfigur in Lebensgefahr. Der Text hat Tempo. Es geht um Alles oder Nichts. Wie wird es wohl ausgehen? Ich freue mich auf eine spannungsgeladene Verfolgungsjagd.

Doch genau zu diesem Zeitpunkt, wenn ich gerade geglaubt habe zu verstehen, was mich erwartet, setzt die Rückblende ein. Der Text verändert sich, fühlt sich beinahe wie eine Liebesgeschichte an. Ich muss mich neu orientieren. Die Spannung, die der Autor in seinen ersten Zeilen mit Mühe aufgebaut hat, ist erst einmal dahin. Hier geht der Autor das Risiko ein, den Leser trotz eines gelungenen Anfangs sofort wieder zu verlieren.

Das ließe sich jedoch vermeiden, wenn der Autor sich von vornherein für eine der beiden Erzählsituationen entscheiden würde. Eine Kurzgeschichte ist kurz. Frage dich also im Vorfeld: Was will ich erzählen? Eine Hetzjagd auf Leben und Tod? Oder eine Liebesgeschichte im verregneten Warschau? Setze einen klaren Schwerpunkt und nutze den wenigen Platz, den dir eine Kurzgeschichte gibt, um diesen Schwerpunkt so spannend und fesselnd wie möglich auszuarbeiten.

Falle 2: Die Minirückblende

Eine weitere Falle, die mir während meiner Arbeit häufig begegnet, ist die Minirückblende. Ich nenne sie so, weil sie den meisten Autoren gar nicht bewusst ist. Häufig ist sie ein Indiz dafür, dass der Autor während des Schreibens den einen oder anderen spontanen Einfall umgehend in seinem Text umgesetzt hat. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Ist man einmal so richtig in Fahrt, ist jedes Mittel recht, das den Schreibfluss aufrecht erhält. Wird der Text dann jedoch nicht überarbeitet, liest man schnell so etwas:

Lisa öffnete die Augen. Ihr Gesicht lag im Staub. Sie musste ohnmächtig gewesen sein. Jemand rüttelte am Türknauf. Lisa fuhr herum. Mit einem bombastischen Knall sprang die Tür auf. Herbert stand vor ihr, sein Gesicht schmerzverzerrt. „Da bist du, du Miststück!”
Inzwischen war Lisa aufgestanden. Sie kniff ihre Augen zusammen. „Fass mich nicht an.“ Ohne abzuwarten holte sie mit der Pfanne, die sie kurz nach dem Aufstehen vom Herd genommen hatte, zum Schlag aus.

Auch hier wird die eigentliche Erzählsituation verlassen, um eine Information aus der Vergangenheit einzufügen. Obwohl die Unterbrechung wesentlich kürzer als bei einer herkömmlichen Rückblende ist, kann die Minirückblende schnell sogar noch störender wirken. Sie bringt Unruhe in den Text, stört die Verständlichkeit und das Gefühl für Raum und Zeit. Ganz anders sieht es aus, wenn derselbe Vorgang chronologisch korrekt geschildert wird:

Lisa öffnete die Augen. Ihr Gesicht lag im Staub. Sie musste ohnmächtig gewesen sein. Jemand rüttelte am Türknauf. Lisa fuhr herum. Mit einem bombastischen Knall sprang die Tür auf. Herbert stand vor ihr, sein Gesicht schmerzverzerrt. „Da bist du, du Miststück!”
Lisa schoss in die Höhe, griff nach der Pfanne auf dem Herd vor ihr und kniff ihre Augen zusammen. „Fass mich nicht an.“ Ohne abzuwarten holte sie zum Schlag aus.

Falle 3: Der Plusquamperfektsalat

Nicht selten führen Rückblenden aus falschem Ehrgeiz und der gewollt richtigen Anwendung der Zeiten zu komplizierten und holprigen Satzkonstruktionen:

Ein Kurzschluss? Ich lauschte ins Nichts. Über mir schlürften Schritte über das Parkett. Wird er mich töten? Ich tastete nach einer Waffe. Dabei streifte ich Toms Bild. Er hatte es mir damals in Warschau geschenkt. Es war unsere erste gemeinsame Reise gewesen. Der Regen hatte sich über die Straßen wie eine zweite Sintflut ergossen gehabt. Nur fünf Schritte hatten unser Hotel vom romantischen Restaurant getrennt gehabt. Und doch hatte es gereicht, um uns bis auf die Haut zu durchweichen. Ich erinnerte mich noch genau. Wir hatten ausgesehen, als hätte uns jemand unter den Rasensprenger gestellt gehabt. Mittendrin waren Toms Augen gewesen, so unendlich blau, dass man hatte darin ertrinken können.

Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Die Lesbarkeit des Textes leidet extrem. Irgendwas ist hier offenbar schief gelaufen.

Wenn eine Rückblende unvermeidbar ist

Natürlich ist eine Rückblende nicht grundsätzlich schlecht. Nichts ist verboten und nichts ist unmöglich. Entscheidest du dich allen Risiken zum Trotz für eine Rückblende in deiner Kurzgeschichte, gibt es drei Möglichkeiten, die Vorgeschichte möglichst galant in deine Handlung einzuflechten.

Die Rückblende im Dialog

Der Dialog eignet sich hervorragend, um eine bereits abgeschlossene Handlung in deine Geschichte einzuflechten. Während der Leser das Gespräch verfolgt, kann er zurückschauen, ohne die eigentliche Erzählsituation- und zeit zu verlassen. Bleiben wir bei unserem Beispiel von oben. Das könnte dann vielleicht folgendermaßen aussehen:

Er zog das Messer aus seinem Schaft. „Was denn? Willst du mich mit einem Bild bekämpfen?“
„Tom hat es mir geschenkt“, flüsterte ich. „Damals, in Warschau.“
„In diesem bescheuerten Kitsch-Restaurant?“
Ich nickte.
„Dieser Idiot. Wäre er nicht gewesen, hätte ich dich gleich damals abgestochen. Ich hätte dich gepackt …” Er griff meine Haare. „… Und wieder hinaus in den strömenden Regen gezerrt.“ Er lachte. „Mein Gott, ihr habt so bescheuert ausgesehen in euren durchgeweichten Klamotten.“

Aber Vorsicht: Menschen sagen sich im Gespräch niemals Dinge, die sie ohnehin schon voneinander bzw. übereinander wissen. Hier ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, damit deine Szene glaubwürdig bleibt und der Dialog natürlich klingt. Warum tauschen sich deine Figuren über die Vorgeschichte aus? Sei einfallsreich!

Die Rückblende im inneren Monolog

Auch mit Hilfe von inneren Gedankengängen lassen sich die Ereignisse von Vorgeschichten wunderbar in einen Text einflechten, ohne dabei die eigentliche Erzählsituation verlassen zu müssen. Bei unserem Text könnte das beispielsweise so aussehen:

Ein Kurzschluss? Ich lauschte ins Nichts. Über mir schlürften Schritte über das Parkett. Wird er mich töten? Ich tastete nach einer Waffe. Dabei streifte ich Toms Bild. Sofort waren meine Erinnerungen wieder da – an unsere erste Reise, damals in Warschau. Ich verfluchte die Vergangenheit. Hätten wir doch nur nie dieses kitschige Restaurant betreten. Aber ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Ich schreckte hoch. Jemand rüttelte am Türknauf hinter mir.

Die klassische Rückblende

Entscheidest du dich für die klassische Rückblende, bleib in der Erzählzeit, um den gefürchteten Plusquamperfektsalat zu vermeiden. Lediglich ein Einstiegs- und ein Absschlussatz im Plusquamperfekt markieren den Übergang vom Jetzt in die Vergangenheit und wieder zurück. Ein Beispiel:

Ich spürte noch ein Zucken. Von meiner rechten Hand aus schoss es durch den gesamten Oberarm. Ein Muskelkrampf. Dann herrschte Dunkelheit. Ein Kurzschluss? Ich lauschte ins Nichts. Über mir schlürften Schritte über das Parkett. Wird er mich töten? Ich tastete nach einer Waffe. Dabei streifte ich Toms Bild. Er hatte es mir damals in Warschau geschenkt. Es war unsere erste gemeinsame Reise. Der Regen ergoss sich über die Straßen wie eine zweite Sintflut. Nur fünf Schritte trennten unser Hotel vom romantischen Restaurant. Und doch reichte es, um uns bis auf die Haut zu durchweichen. Ich erinnerte mich noch genau. Wir sahen aus, als hätte uns jemand unter den Rasensprenger gestellt. Mittendrin Toms Augen, sie waren so unendlich blau gewesen, dass man darin ertrinken konnte.

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