Habe ich genug Talent zum Schreiben? Diese Frage höre ich während meiner Schreibkurse ständig. Nur wie soll ich sie beantworten?

Habe ich genug Talent zum Schreiben?

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Talent – mit diesem Wort beschreiben wir meist künstlerische Fähigkeiten, die außerhalb dessen liegen, was für uns persönlich erreichbar scheint. Stephen Hawking beispielsweise hat in den Augen der meisten Menschen ein überdurchschnittliches Talent für Wissenschaft. Viele halten ihn gar für den bedeutendsten Physiker unserer Zeit.

Auch Mozart verfügte in unseren Augen über ein außergewöhnliches Talent. Seine Musik erlangte Weltruhm und hat bis heute an Strahlkraft nicht verloren. Mozart gilt als Wunderkind.

Das Wunder im Wunderkind

Wenn wir das Wort Wunderkind aussprechen, so hallt besonders die erste Hälfte des Wortes nach: Wunder. Ein Wunder können wir uns wissenschaftlich nicht erklären. Wunder haben etwas Übernatürliches. Also sind auch Wunderkinder übernatürlich.

Aber ist beispielsweise die musikalische Leistung des Wunderkindes Mozart tatsächlich übernatürlich? Fakt ist, Mozart hatte bereits seit seinem vierten Lebensjahr Klavierunterricht – und das zu einer Zeit, in der es weder Fernseher, noch Internet oder Handys als Ablenkungsmedien gab. Er war das siebente Kind seiner Eltern, allerdings erst das zweite, das überlebte. Dementsprechend wird das Bedürfnis seiner Eltern gewesen sein, ihn auf sein Leben vorzubereiten.

Wie Mozarts Eltern ihm das Klavierspielen beibrachten, wissen wir nicht. Fakt jedoch ist, dass man seinen Kindern ein gewisses Maß an Erfolg durchaus anerziehen kann. Das demonstriert uns Amy Chua eindrucksvoll in ihrem Buch Die Mutter des Erfolgs. Ob man seine Kinder auf diese Art glücklich macht, sei dahingestellt.

Die Leidenschaft macht den Unterschied

Auch Mozart wurde sein Können also nicht in die Wiege gelegt. Er arbeitete hart für seinen Erfolg. Das ist auch die Wahrheit hinter all den für uns verwerflichen Methoden, mit denen Amy Chua ihre Kinder erzogen hat: Ohne Fleiß kein Preis.

Das Wunderkind Mozart übt am Klavier.

Das Wunderkind Mozart übt am Klavier.

Entscheidend ist meiner Meinung nach also nicht unbedingt, mit welchen genetischen Voraussetzungen jemand geboren wird, sondern wie viel Leidenschaft er einer Tätigkeit entgegenbringt. Nur wer eine Sache mit größter Hingabe tut, kann auch ein Meister darin werden.

Vielleicht ist es auch das, was in der Frage „habe ich genug Talent zum Schreiben“ mitschwingt – die Hoffnung, dass mir mein Gegenüber sagt: „Du bist genial, so wie du bist. Du wirst niemals hart arbeiten müssen.“ Die Wahrheit sieht leider anders aus.

Entscheidend ist nicht, wer du jetzt bist, sondern wer du sein kannst

Der Weg zum Meister ist lang. Für jeden verläuft er anders. Wenn jemand in einen meiner Schreibkurse kommt, um an seinem Handwerk zu arbeiten, begegne ich ihm an einem Punkt auf diesem Weg. Ich erlebe einen Moment davon. Ich kann nicht voraussagen, welchen weiteren Verlauf dieser Weg nehmen wird. Aber ich weiß, dass vieles möglich ist, wenn er bereit ist, diesem Weg mit allen Konsequenzen zu folgen. Du denkst, das ist leeres Gerede? Überlegen wir uns ein Beispiel:

Vielleicht kommt ein Mädchen mit dem für Ballett unpassendsten Körperbau zur Welt. Sie ist zu groß, das Becken nicht flexibel genug, der Rücken steif. Dennoch aber lebt in ihr eine unstillbare Leidenschaft für Ballett. Sie trainiert und übt jeden Tag voller Hingabe. Auf diese Art findet sie ihren eigenen Weg zu tanzen. Sie wird eine Meisterin darin. Und ihre Besonderheit macht sie am Ende zum Star.

Worauf ich hinaus will: Entscheidend ist nicht, wie gut du im Augenblick schreibst. Entscheidend ist, ob du bereit bist, etwas daran zu ändern und ob du in der Lage bist, die dafür nötige Energie aufzubringen. Fragst du mich also, ob du Talent zum Schreiben hast, dann frage ich dich zurück: Wie sehr liebst du das Schreiben?

Wie groß ist das Feuer, das in dir brennt? Damit meine ich nicht das Feuer, das auflodert, wenn du an Bestseller, rote Teppiche und internationalen Erfolg denkst. Wie groß ist deine Leidenschaft dafür, dich jeden Tag an den Schreibtisch zu setzen und zu schreiben? Wie sehr liebst du es, dich durch scheinbar unbezwingbare Geschichten zu quälen? Wie sehr kannst du dich in eine Idee verlieben? Kannst du um sie kämpfen? Versetzt dich der pure Gedanke daran in Euphorie und Schaffenslust? Auch wenn du vielleicht noch gar nicht weißt, wie du die nächste Miete bezahlen sollst?

Die Angst, einer Illusion hinterher zu rennen

Wer mich fragt, ob er genug Talent zum Schreiben hat, sehnt sich meiner Erfahrung nach vor allem nach einem: Sicherheit. Unser Leben ist begrenzt. Wir alle haben Angst, den falschen Weg einzuschlagen und uns zu verrennen. Hinzu kommen unsere Freunde. Du denkst: Lachen sie etwa im Verborgenen über mich? Halten sie mich für durchgeknallt?

Mit Sicherheit werden sie das tun! Als ich mich entschieden habe, Schauspieler zu werden und an die Bayerische Theaterakademie zu gehen, gab es endlos viele Menschen, die mich für verrückt erklärt haben – und nicht einen, der sagte: „Du hast Talent. Ich weiß, dass du es schaffen wirst!“ Sogar meine Dozenten verkündeten während meines Studiums teilweise fleißig das Gegenteil davon. Niemand hatte einen blassen Schimmer, dass ich einmal in Fernsehserien oder Musicals mitspielen würde, auch ich selbst nicht. Ich hatte die Hoffnung, aber keine Gewissheit.

Vor kurzem machte auf Instagram ein Bild die Runde, das Madonna in sehr jungen Jahren mit einem inzwischen verstorbenen Freund zeigte. Darunter stand: „Hätten wir nur damals gewusst … was alles passieren würde“. Auch eine Madonna hatte keine Sicherheit. Sie hatte nur eines – diesen unstillbaren Drang, das zu tun, was sie tut.

Niemand kann dir eine Sicherheit geben und niemand kann dir die Frage beantworten, ob du mit dem Schreiben erfolgreich sein wirst. Niemand kann dich davor bewahren, einer Illusion hinterher zu laufen und zu scheitern – auch ich nicht.

Nun wird es sicher wieder einige dieser schlauen Köpfe geben, die sagen: „Klar, dass er so redet. Er verdient ja sein Geld damit.“ Wer schon einmal einen meiner Schreibkurse besucht hat, weiß, dass das Quatsch ist. Ich schmiere niemandem Honig ums Maul. Alles, was ich möchte ist, dir dabei zu helfen, deinem Herzen zu folgen.

Die Ironie der Frage „habe ich genug Talent zum Schreiben“ ist doch schon die Frage an sich. Du wirst es niemals herausfinden, wenn du darüber redest, lamentierst oder nachdenkst. Du musst es tun! Also vertrau auf dein Gefühl. Und schreib!

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