Perspektivfehler! Wer hat das nicht schon gehört? Aber warum sind häufige Perspektivenwechsel in deiner Geschichte oder Szene schlecht? Ich zeige es dir!

Wenn jemand in einem deiner Texte von einem Perspektivfehler spricht, dann meint er in 99% der Fälle ein wildes Hin- und Herspringen zwischen den Gedankengängen der Figuren in deiner Geschichte – gern auch Headjumping genannt (englisch = Kopfspringen).

Die Schwierigkeit ist nur, Perspektivfehler zu erkennen. Viele kreiden jeden Perspektivenwechsel sofort auch als Perspektivfehler an. Das hat mit einem der größten Vorurteile überhaupt im Bezug auf das Kreative Schreiben zu tun:

Innerhalb einer Szene darfst du die Erzählperspektive nicht wechseln.

Blödsinn! Natürlich darfst du. Du darfst grundsätzlich schonmal sowieso alles. Die oberste Schreib-Regel lautet: Es gibt keine Regeln. Es gibt höchstens Dinge, die aktuell unpopulär sind und weniger gelesen werden. Ganz unabhängig davon kann dir natürlich auch niemand verbieten, deine Kurzgeschichte oder Szene beispielsweise in der auktorialen Erzählperspektive zu schreiben.

Auch kommen mir immer wieder veröffentlichte Texte unter die Nase, in denen nicht auktorial erzählt und die Perspektive dennoch nach Lust und Laune gewechselt wird. Warum war es dort richtig und woanders falsch? Fakt ist: Es ist nicht falsch. Aber es ist in den meisten Fällen zumindest extrem ungeschickt, denn:

Headjumping führt zum Erklärbärmodus.

Der Hauptgrund für einen häufigen Perspektivenwechsel in Szenen ist meiner Erfahrung nach das Bedürfnis des Autors, die Zusammenhänge seiner Geschichte zu erklären. Ein Beispiel:

Wo war er hin? Susanne schielte um die Ecke. Sie entdeckte Christian auf dem Sofa. Er krümmte sich. Was sah sie ihn so seltsam an? Die Schmerzen in seinem Weißheitszahn waren so schon kaum auszuhalten. „Susanne!“, brüllte er. Sie gefror zu Eis. „Jetzt rufe endlich den Zahnarzt.“

Dieser Text ist Headjumping pur. Er beginnt aus Susannes Sicht. Sie sucht Christian. Sobald sie ihn entdeckt hat, springen wir in Christians Kopf, denn: Susanne kann nicht wissen, dass Christian Schmerzen in seinem Weißheitszahn hat. Erst recht kann sie die Intensität der Schmerzen nicht beurteilen.

Kann man machen. Warum auch nicht? Der Nachteil ist aber: Der Text liest sich schwierig. Ich muss umschalten. Und in diesem Text ist bereits alles gesagt und erklärt. Es gibt nichts mehr zu entdecken. Schauen wir uns ein Gegenbeispiel an:

Wo war Christian hin? Susanne schielte um die Ecke. Aber sie konnte nur seinen Rücken sehen, wie Christian sich wand und krümmte. Wie er schrie. Heulte. Sie blickte zum Vollmond. Ob doch etwas an den finsteren Geschichten dran war, die Emmely ihr am Lagerfeuer erzählt hatte?
„Susanne!“, brüllte er sie an.
Sie gefror zu Eis.
„Jetzt hole endlich das Telefon und rufe den Zahnarzt. Ich habe Schmerzen!“

Diese Variante der Geschichte erzählt ausschließlich aus Susannes Perspektive. Da sie nicht in Christians Kopf schauen kann, entsteht eine beschränkte Sicht auf die Situation. Diese Beschränkung führt zwangsläufig zu Spannung, denn:

Susanne muss auf Entdeckungsreise gehen, das Geschehen beobachten, bewerten und interpretieren. Natürlich kann es dabei zu Fehlinterpretationen kommen. Diese Gefahr spürt der Leser. Unsicherheit entsteht, auch Suspense genannt – einer der größten Spannungstreiber überhaupt.

Fazit: Unbedachte Perspektivenwechsel killen die Spannung.

Zugegeben, es ist nicht immer leicht, sich auf eine Perspektive zu beschränken, erst recht nicht, wenn man die Komplexität einer Situation darstellen will. Die damit verbundene Mühe lohnt sich aber. Fast immer verleiht eine strikte, auf eine Figur beschränkte Erzählperspektive deiner Geschichte etwas Rätselhaftes.

Leser lieben Rätsel. Sie laden deine Leser ein, an der Seite deiner Figur auf Entdeckungsreise zu gehen. Die Art, wie deine Erzählfigur Dinge wahrnimmt, bewertet und interpretiert, bringt sie deinem Leser näher, verrät etwas über ihre Weltanschauung, Werte, Hoffnungen, Träume und Ängste. Was will man mehr? Probiere es aus!

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