Sie sollten in keiner Geschichte fehlen: Wendepunkte. Aber wie überrascht man den Leser? Wenn man ein paar wichtige Dinge beachtet, gelingt es!

Ganz gleich, ob Buch oder Film – Wendepunkte (englisch „Plot points“) sind die Momente, an die wir uns am meisten erinnern. Kein Wunder: Überraschungen lösen heftige Reaktionen aus. Nicht selten werden sie mit unkontrollierten Ausrufen begleitet. In diesen Momenten fühlen wir uns mit einer Geschichte am intensivsten Verbunden. Die Spannung schnellt in die Höhe, wir bekommen Gänsehaut oder es schießen uns Tränen in die Augen vor Freude über das unerwartete Happy End.

Kein Wunder, dass nahezu jeder Autor Wendepunkte in seiner Geschichte haben will. Oft erweist sich das jedoch als leichter gesagt als getan. Die erwünschte Wirkung bleibt aus. Enttäuschung macht sich breit. Was ist schief gelaufen?

Wendepunkte schreiben – die häufigsten Fehler

Am deutlichsten wird die Funktionsweise von Wendepunkten, wenn wir uns einmal gemeinsam die häufigsten Fehler ansehen, denen ich in meinen Schreibkursen immer wieder begegne.

Fehler 1: Die Überraschung aus dem Nichts
Stell dir vor:

Die Tribute von Panem. Zwei Bücher lang hast du an der Seite von Katniss Everdeen für die Revolution gekämpft. Das große Finale steht bevor. Du platzt vor Spannung. Wird sie siegen? Doch dann hat Präsident Snow einen Herzanfall und fällt tot um. Buch zu Ende.

Nach einem kurzen Moment der Verwirrung überkommt dich die Wut. Du fühlst dich um deinen Schluss betrogen. Du sagst: „So geht das nicht!“ Die Autorin kontert: „Im wahren Leben könnte das genau so sein.“

Schön und gut. Aber wir sind nicht im wahren Leben. Wir sind in einer Geschichte. Geschichten folgen ihren eigenen Gesetzen. Sie beruhen immer auf Ursache und Wirkung. Ein Handlungsschritt ergibt den anderen. Plötzliche Wendepunkte dürfen nicht aus dem Nichts heraus passieren. Geht man in der Handlung zurück, wird man zumindest im Nachhinein immer Anzeichen für diese überraschende Wendung finden.

Krieg der Welten – ein Beispiel für Wendepunkte aus dem Nichts heraus?

Der Krieg der Welten endet mit einem scheinbar aus dem Nichts kommenden Wendepunkt. Warum funktioniert das? – Hier ein Bild der Steven Spielberg Verfilmung mit Tom Cruise aus dem Jahr 2005

Ja, es gibt Ausnahmen! Im Krieg der Welten scheint der Untergang der Menschheit unausweichlich. Die außerirdischen Angreifer sind übermächtig. Doch dann fallen sie scheinbar aus dem Nichts heraus alle tot um. Sie wurden Opfer von irdischen Viren. Warum funktioniert dieser Wendepunkt?

Die Überraschung aus dem Nichts im Krieg der Welten hat einen thematischen Bezug. Die gesamte Geschichte ist darauf ausgelegt, dem Menschen seine Arroganz vor Augen zu führen. Er ist nicht der Herrscher des Universums. Er ist wehrlos gegen die Angreifer von außen und wird gerettet durch ein intelligenzloses Etwas.

Fehler 2: Erklärte Wendepunkte
Okay, wie kennen Fehler 1 und schreiben die Szene um:

Auch diesmal erleidet Präsident Snow einen Herzanfall. Diesmal machen wir aber alles richtig. Wir überbringen nicht einfach nur die frohe Botschaft, sondern schreiben eine hübsche Erklärbär-Szene dazu. Der Überbringer der Nachricht erzählt von einer schweren Krankheit, die Snow schon die letzten beiden Bücher über quälte. Daher hatte er auch die vielen grauen Haare. Überhaupt habe ihn die ganze Sache mit der dummen Revolution total aufgeregt. Damit er während der Spiele dennoch unbeeindruckt lächeln konnte, nahm er schon seit langem Drogen.

Besser? Ääääähm – nein! Wendepunkte, die erst erklärt werden, wenn sie passieren, funktionieren ebenso wenig wie Wendepunkte, die aus dem Nichts heraus stattfinden. Wendepunkte müssen über einen langen Zeitraum hinweg vorbereitet werden. Je umfassender die Vorbereitung, desto knackiger der Wendepunkt.

Fehler 3: Wendepunkte im Wendepunkte-Dschungel
Denken wir uns ein neues Beispiel aus:

Unsere Hauptfigur heißt Ellen. Ellen ist verliebt in Tom, was sie aber nicht zugeben will, denn eigentlich ist sie mit Franz zusammen. Sie wollen heiraten, obwohl Franz selbst eine Affäre mit Berta hat. Da stellt sich heraus, dass Tom Schwul ist, was aber keiner wissen darf, denn Tom ist Pastor. Also beschließt Ellen, Franz zu verlassen. Das passt ihm nicht. Er plant, Tom umzubringen. Das nimmt ihn so sehr mit, dass er in Gedanken vor ein Auto rennt. Der Fahrer begeht Fahrerflucht. Es war Ellen, die gerade auf dem Weg ins Kloster war, um Nonne zu werden.

Wendepunkte im Wendepunkte-Dschungel

Wendepunkte im Wendepunkte-Dschungel: Ja, wo ist er denn nun, mein Wendepunkt? – Urheberrecht: lightwise / 123RF Stockfoto

Wendepunkt? Ja, wo isser denn? Die in diesem Beispiel geschilderte Geschichte ist so verheddert, dass wir gar nicht mehr erkennen können, wo genau sie denn nun eine entscheidende Wendung nimmt.

Damit ein Wendepunkt überhaupt als solcher erkannt werden kann, muss die Geschichte davor relativ konsequent in eine bestimmte Richtung verlaufen sein. Der Leser muss die Möglichkeit gehabt haben, eine konkrete Erwartungshaltung aufzubauen, die sich auch zu erfüllen scheint. Am Wendepunkt kommt der Knall: Pustekuchen. Es ist alles ganz anders!

Fehler 4: Der Wende-Irgendwas
Jetzt haben wir es aber. Wir nehmen uns Fehler 1, 2 und 3 zu Herzen und legen noch einmal los:

Ellen ist verliebt in Tom. Sie gesteht es sich aber nicht ein und beschließt dennoch, Franz zu heiraten. Alles läuft gut, bis Ellen kurz vor der Trauung plötzlich einen Brief von Franz findet, der wie ein Liebesbrief an eine Fremde Frau klingt. Sie fährt zu ihrer Mutter, die ihr erzählt, dass sie zur Hochzeit nicht kommen kann, weil sie sich das Bein gebrochen hat. Da ruft der Pastor an und sagt, dass er die Grippe hat und die Trauung an einen Kollegen Namens Tom übertragen wurde. Ellen wird schwindlig. Sie kommt ins Krankenhaus. Dort erfährt sie, dass sie schwanger ist und …

Hä? Schon sind wir im selben Dilemma wie bei Fehler 3. Atmen wir einmal tief durch. Ein Wendepunkt heißt nicht umsonst Wendepunkt und nicht etwa Wendelinie, Wendebrause oder Wendekette. Natürlich kann es immer mehrere Gründe geben. Aber wie im wahren Leben auch, gibt es einen konkreten Auslöser, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein Wendepunkt ist stets ein konkretes Ereignis, nicht mehr und nicht weniger.

Wendepunkte schreiben – so gelingt es!

Lassen wir einmal die vier häufigsten Fehler Revue passieren, wird deutlich, wie ein Wendepunkt angelegt sein muss, damit er funktioniert.

Step 1: Gib deiner Geschichte eine klare Richtung
Sorge dafür, dass der Verlauf deiner Geschichte bis zum Wendepunkt eine klare Linie hat. Deine Hauptfigur verfolgt ein Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie einen Plan. Dieser Plan scheint auf ein konkretes Ergebnis hinauszulaufen. Bestätige den Leser in seiner Erwartungshaltung.

Step 2: Bereite deinen Wendepunkt vor
Streue in der Handlung vor dem Wendepunkt alle nötigen Hinweise und Fakten ein, die der Leser braucht, um den plötzlichen Wendepunkt zu verstehen. Die Kunst besteht darin, mit Doppeldeutigkeiten zu arbeiten. Im Grunde gibt es zwei Handlungen – die, welche scheinbar passiert (Erwartungshaltung des Lesers), und jene, die tatsächlich geschieht.

Step 3: Entscheide dich für ein auslösendes Ereignis
Steuere mit deiner Handlung auf ein konkretes Ereignis zu, das die scheinbare Handlung entlarvt und sowohl Leser als auch Hauptfigur mit der Wahrheit konfrontiert. Diese Wahrheit ist so frappierend, dass sie Leser und Hauptfigur dazu zwingt, das bisher Geschehene komplett neu zu bewerten. Alles steht auf dem Kopf. Die Überraschung ist gelungen.

Beispiele für gelungene Wendepunkte

Nach den 4 häufigsten Fehlern und der Step-by-Step-Anleitung zum Schreiben von Wendepunkten, möchte ich dir zum Abschluss gern noch ein paar Beispiele für gelungene Wendepunkte geben.

wendepunkte-schreiben-gute-beispiele

Michael Chrichton ist ein Meister der Spannung. Genau genommen handelt es sich bei seiner ersten Szene des Buches Airframe eher um die Technik der Suspense. Allerdings gibt es auch hier die Diskrepanz zwischen scheinbarer Wahrheit (sicherer Flug) und tatsächlicher Wahrheit (un… – Ach, lest selbst 😉 ). → Zur Leseprobe von Airframe auf amazon.de

Der Prolog aus dem Thriller Abgeschnitten von Fitzek und Tsokos hingegen ist ein Paradebeispiel für einen gelungenen Wendepunkt. Das reinschauen lohnt sich – übrigens natürlich auch das komplette Buch. → Zur Leseprobe von Abgeschnitten auf amazon.de

Was hier im Kleinen geschieht, funktioniert natürlich auch im Großen. Kommen wir auf die Tribute von Panem zurück. Wer diese Geschichte noch nicht kennt, erlebt sein blaues Wunder am Ende von Band 2 mit dem Titel Gefährliche Liebe.

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