Wenn eine Geschichte einmal nicht rund läuft und das Schreiben ins Stocken gerät, lohnt oft ein Blick auf die Wahl der Hauptfigur. Nicht selten erlebe ich es, dass die völlig falsche Figur Protagonist sein will.

Ich kenne es von mir selbst. Während der Arbeit an einem umfangreicheren Manuskript drängeln sich Charaktere, die eigentlich als Nebenfiguren geplant waren, plötzlich in den Vordergrund. Schnell kann das eine ganze Idee ins Wanken bringen. Spätestens dann lohnt sich die Frage: Wer ist eigentlich mein Protagonist?

Der Protagonist – Motor der Handlung

Normalerweise bin ich kein Fan von Fremdwörtern. Auch ist das Wort Hauptfigur wesentlich geläufiger als die Bezeichnung Protagonist. Dennoch lohnt sich in diesem Fall der Blick auf das kompliziertere Fachwort.

Die Bezeichnung Protagonist stammt von dem altgriechischen Wort protagonistés ab, das man mit Erst-Handelnder übersetzen könnte. Daraus lässt sich ganz wunderbar die Funktion des Protagonisten ableiten:

Protagonist einer Geschichte ist die Figur, welche stets als erste handelt, also durch ihr Agieren die Handlung der Geschichte in Gang setzt und kontinuierlich vorantreibt.

Hier wird der Unterschied zur deutschen Übersetzung Hauptfigur deutlich. Schnell stellt man sich unter dem Wort Hauptfigur jenen Charakter vor, auf den der Fokus einer Geschichte gerichtet ist. Das muss jedoch nicht so sein. Verwirrt? Schauen wir uns ein paar Beispiele an:

Im Mittelpunkt des Filmes E.T. von Stephen Spielberg steht ein Außerirdischer, der nach einer geheimen Expedition von seinem Raumschiff zurückgelassen wird. Er versteckt sich in einem Schuppen und wird dort schließlich von dem 10jährigen Elliot entdeckt. Ein spannendes Abenteuer beginnt. Man könnte meinen, E.T. wäre die Hauptfigur dieses Films. Er ist es nicht. Denn nicht E.T. treibt die Handlung der Geschichte maßgeblich voran, sondern Elliot.

So seltsam es vielleicht zunächst scheint, E.T. – Der Außerirdische ist Elliots Geschichte. Elliot muss lernen, was Freundschaft bedeutet. Er wird durch die Begegnung mit E.T. verändert. Sehen wir uns noch ein zweites Beispiel an:

In dem Film Lassie dreht sich alles um den berühmten Colly, der sich unlängst in unsere Herzen gebellt hat. Aber macht das Lassie zur Protagonistin? Nein. Hier ist es ähnlich wie bei der Geschichte von E.T. dem Außerirdischen. Lassie ist zwar der Kern der Geschichte, aber nicht die Hauptfigur. Erzählt wird die Geschichte von Matt.

Der Unterschied zwischen Protagonist und Titelfigur

Lassie und E.T. haben eines gemeinsam: Beide sind Titelfiguren einer Geschichte. Titelfigur einer Geschichte ist die Figur, welche einem Werk seinen Namen leiht. Eine Titelfigur ist aber nicht zwangsläufig auch die Hauptfigur einer Geschichte.

Hauptfigur einer Geschichte hingegen ist die Figur, die

  • die Entwicklung der Geschichte maßgeblich vorantreibt und
  • die bedeutendste Veränderung innerhalb einer Geschichte durchlebt.

In E.T. – Der Außerirdische treibt Elliot die Handlung maßgeblich voran. Er tut alles in seiner Macht stehende, um seinem neuen Freund zu helfen, ihn aus den Fängen der Regierung zu befreien und zurück nach Hause zu bringen. Elliot durchlebt die bedeutendste Veränderung. Er gewinnt einen Freund und lernt, dass Freundschaft auch heißt, loszulassen – selbst dann, wenn es dazu führt, dass man sich von seinem besten Freund trennen muss.

In Lassie ist es Matt, der die Geschichte maßgeblich vorantreibt. Auch Matt durchlebt die größte Veränderung. Er arrangiert sich mit der neuen Umgebung nach einem Umzug und sorgt für Versöhnung mit dem ärgsten Feind seiner Familie.

Wenn der Falsche das Steuer übernimmt

Was bei fremden Geschichten nach ein wenig Übung relativ einfach ist, fällt bei eigenen Texten oft schwer. Manchmal sind wir derart in unsere eigene Idee vertieft, dass wir es gar nicht bemerken, wenn eine falsche Figur im Fokus steht.

der falsche Protagonist

Wenn die Handlun immer zäher wird und es nur noch mit Mühe vorangeht, hat wohl der Falsche das Steuer übernommen. Foto: Isbael B. Meyer

In den meisten Fällen aber macht sich die Wahl der falschen Hauptfigur deutlich bemerkbar. Dann ist die Geschichte entweder nicht spannend, die Begeisterung für das eigene Projekt lässt nach oder das Schreiben stockt vollkommen. Kein Wunder! Wie soll eine Figur deine Handlung vorantreiben, wenn sie eigentlich ganz andere Aufgaben innerhalb deiner Geschichte zu erfüllen hat. Schauen wir uns ein Beispiel an:

In der Roman Werkstatt an der Volkshochschule Wien entwickelte eine Schülerin von mir einen historischen Roman. Sie mochte ihre Hauptfigur. Und sie bemühte sich nach allen Regeln des Schreibhandwerks, ihre Geschichte spannend zu gestalten. Sie gab ihrer Figur (nennen wir sie einmal Phil) ein besonderes Talent und ein Ziel. Phil musste auf eine schwierige Reise und sein Ziel war es, diese lebendig zu überstehen. Aber trotzdem „rockte“ die Geschichte einfach nicht. Am deutlichsten wurde das im Mittelteil spürbar. Der Autorin fehlte es an Ideen und die Geschichte hing durch.

Im weiteren Verlauf der Plot-Arbeit lenkten wir unseren Fokus auch auf die anderen Figuren. Schnell wurde deutlich: Phil war nicht die Hauptfigur. Zwar stand Phil im Fokus und erzählte die Geschichte, aber er trieb sie nicht maßgeblich voran. Phil war Beobachter. Hauptfigur war eine andere Figur, die er auf Schritt und Tritt begleitete. Diese Figur war der Initiator der Reise (nennen wir ihn Dr. Paulus). Für Dr. Paulus stand einiges auf dem Spiel – viel mehr als das eigene Leben. Er hatte einen Ruf und sein gesamtes Weltbild zu verlieren. Und er trieb die Geschichte maßgeblich voran. Mit dieser Erkenntnis war der Knoten geplatzt.

Viele Änderungen am Plotmodell waren nicht nötig. Denn, dass eine Figur erzählt, die nicht Hauptfigur ist, ist nicht unüblich. Denken wir nur einmal an die Geschichten von Sherlock Holmes, die aus der Sicht von Dr. Watson geschildert werden. Aber dank der Erkenntnis lag der Fokus nun auf der richtigen Person. Die Ideen für den Mittelteil sprudelten geradezu und auch die Spannung stieg spürbar an.

So findest du heraus, wer der Protagonist deiner Geschichte ist

Hast auch du das Gefühl, dass deine Geschichte irgendwie nicht so richtig funktioniert, kann sich ein Blick auf die Wahl der Hauptfigur lohnen. Das gelingt dir am schnellsten mit folgenden Schritten:

  • Erstelle einen Scene-Tracker deiner Geschichte
    (Wenn du Hilfe brauchst, schau in meinen Artikel Scene-Tracker zum Herunterladen)
  • Erstelle eine Übersicht aller handelnden Figuren
  • Welche Figur kommt am häufigsten in deiner Geschichte vor?
  • Welche Figur durchlebt den größten Konflikt?
  • Welche Figur hat am meisten zu verlieren?
  • Welche Figur verändert sich / lernt am meisten?
  • Welche Figur übt durch ihre Handlungen und Entscheidungen den größten Einfluss auf den Verlauf der Geschichte aus?

Schau dir deine Ausarbeitung an. Welcher Name wird am häufigsten genannt?

Der Name deiner Hauptfigur dominiert
Wunderbar! Dann hast du die richtige Entscheidung getroffen. Vielleicht schaust du einmal in meinen Artikel Roman schreiben – die 9 häufigsten Fehler. Gut möglich, dass du hier den Grund dafür findest, dass es im Augenblick einfach nicht flutschen will.

Der Name einer anderen Figur dominiert
Höchstwahrscheinlich hast du eine falsche Figur zum Protagonisten erwählt. Keine Panik! Deine Arbeit war nicht vergebens. Atme einmal tief durch. Zur Not lege dein Projekt für ein paar Tage zur Seite, um Abstand zu gewinnen. Dann gehe mit frischem Kopf an die Sache heran und finde heraus, was passiert, wenn du die Figur zur Hauptfigur machst, deren Namen in deiner Analyseliste am häufigsten vorgekommen ist.

Lust auf mehr?

Dann probiere kostenlos meine Kursangebote!

[]
1 Step 1
Dein Name (optional)
keyboard_arrow_leftPrevious
Nextkeyboard_arrow_right

Die Probelektion ist kostenlos und unverbindlich. Deine Daten behandele ich vertraulich und gemäß meiner Datenschutzerklärung.